Graz, 25. März 2026 – Nach acht Jahren Verhandlungen haben die Europäische Union und Australien am 23. März 2026 in Canberra ein umfassendes Freihandelsabkommen vereinbart. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Premierminister Anthony Albanese präsentierten das Ergebnis gemeinsam vor der Weltöffentlichkeit. Für die Steiermark, eine der exportstärksten Industrieregionen Österreichs, ist das Abkommen weit mehr als eine diplomatische Randnotiz – es eröffnet handfeste wirtschaftliche Chancen in genau jenen Bereichen, die das industrielle Rückgrat des Landes bilden.
Was das Abkommen enthält
Das Abkommen sieht die Abschaffung von mehr als 99 Prozent der Zölle auf EU-Warenausfuhren nach Australien vor. Neben dem klassischen Warenhandel umfasst es auch die Öffnung des australischen Dienstleistungsmarktes bei Finanzdienstleistungen und in der Telekommunikation, einen besseren Zugang für EU-Unternehmen zu öffentlichen Aufträgen in Australien sowie Maßnahmen für eine bessere Versorgung Europas mit kritischen Rohstoffen. Hinzu kommt eine separate Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft sowie der geplante Zugang Australiens zum EU-Forschungsprogramm Horizon Europe.
Die EU geht davon aus, dass die Exporte aus den Mitgliedstaaten nach Australien im kommenden Jahrzehnt um bis zu 33 Prozent auf jährlich 17,7 Milliarden Euro wachsen könnten.
Die strategische Logik: Weg von der Abhängigkeit
Das Abkommen ist kein Selbstzweck, sondern Ausdruck einer klaren geopolitischen Strategie. Von der Leyen machte deutlich, dass es für die EU wichtig ist, internationale Handelsbeziehungen auszubauen und zu diversifizieren, um Risiken und Abhängigkeiten zu verringern – zumal in einer Zeit, in der die USA unter Präsident Donald Trump mit ihrer aggressiven Zollpolitik ein zunehmend schwieriger Partner sind. Ziel sei es, so von der Leyen, „sicherzustellen, dass kein Land den Zugang zu Energie, Halbleitern oder Seltenerdmineralen als Waffe nutzen kann, um unsere Wirtschaft als Geisel zu nehmen.“
Besonders das Thema kritische Rohstoffe ist dabei zentral: Australien produziert im Jahr 2026 über 50 Prozent der globalen Lithiummenge und zählt zu den Ländern mit den größten Kupferreserven der Welt – Kupfer wird für Stromnetze, Infrastruktur und viele Anwendungen der Energiewende benötigt.
Was das für die Steiermark bedeutet
Die Steiermark ist Exportland. Im Jahr 2024 betrug der Warenwert der steirischen Exportgüter 28,5 Milliarden Euro, die positive Handelsbilanz lag bei 8,0 Milliarden Euro. Zuletzt stand die steirische Exportwirtschaft allerdings unter Druck: Die steirischen Exporte sind im ersten Halbjahr 2025 gegenüber dem Vorjahr um 408 Millionen Euro oder 2,8 Prozent auf 14,1 Milliarden Euro gesunken. Die Konsequenz ist klar: Neue Märkte müssen her. Australien ist einer davon.
Die wichtigsten Exportgüter der Steiermark sind „Zugmaschinen und Kraftwagen“ mit einem Exportvolumen von 2,9 Milliarden Euro, dicht gefolgt von „Maschinen und mechanischen Geräten“ mit 2,1 Milliarden Euro. Das sind exakt jene Sektoren, für die das Abkommen besondere Zollvorteile schafft: Für Industrie- und Dienstleistungsexporteure ergeben sich schrittweise Verbesserungen, etwa im Maschinen- und Anlagenbau, in der Umwelt- und Energietechnik sowie bei wissensintensiven Dienstleistungen.
Rohstoffzugang als Standortfaktor. Für die steirische Industrie geht es beim Australien-Abkommen aber nicht nur um Exportchancen, sondern auch um den gesicherten Zugang zu Vorprodukten. Die Steiermark ist ein bedeutender Standort der Batterieforschung und -entwicklung: Unternehmen wie AVL List, das Materials Center Leoben und Virtual Vehicle Research forschen intensiv an Lithium-Ionen-Technologien der nächsten Generation. Ein verlässlicherer Zugang zu australischem Lithium stärkt diese steirische Kompetenz unmittelbar – und damit die Wettbewerbsfähigkeit des gesamten Automotive- und Technologiestandorts.
Hidden Champions profitieren. Die steirische Industrie ist stark exportorientiert – viele Unternehmen erzielen den größten Teil ihres Umsatzes außerhalb Österreichs. Diese internationale Ausrichtung ist typisch für die Hidden Champions der Region, jene weltweit führenden Spezialisten in engen Technologiefeldern, die das wirtschaftliche Rückgrat der Steiermark bilden. Für sie bedeutet der verbesserte Marktzugang nach Australien eine reale Erweiterung ihres globalen Spielraums – ohne neue bürokratische Hürden.
Österreichweit: Erhebliches Potenzial noch ungenutzt
Die WKÖ-Internationalisierungsagentur Aussenwirtschaft Austria beziffert das noch nutzbare Exportpotenzial für Österreich mit 860 Millionen Euro. WKÖ-Präsidentin Martha Schultz bezeichnete das Abkommen als „klares Signal für offenen Handel statt Abschottung.“ Dieses Potenzial zu heben ist keine Aufgabe der Großkonzerne allein – es ist eine Chance vor allem für den Mittelstand.
Nächste Schritte
Wann das Abkommen unterzeichnet werden kann, ist noch unklar. Der Vertragstext muss noch rechtlich geprüft und in alle Amtssprachen der EU übersetzt werden. Anschließend muss er von den Mitgliedstaaten und vom Europäischen Parlament gebilligt werden. Das Abkommen mit Australien reiht sich ein in eine breitere EU-Handelsstrategie: Im Januar 2026 hatte die EU mit Indien die Verhandlungen abgeschlossen, mit Indonesien bereits im September 2025, und das Mercosur-Abkommen soll ab 1. Mai 2026 vorläufig in Kraft treten.
Unsere Position: Der Wirtschaftsbund Steiermark begrüßt den Abschluss der Verhandlungen als wichtiges Signal für den Wirtschaftsstandort. Offener Handel schützt Arbeitsplätze, stärkt den Mittelstand und schafft Unabhängigkeit von einzelnen Märkten und Lieferketten. „Australien war für viele steirische Betriebe bisher ein Markt der zweiten Wahl – nicht weil das Interesse fehlte, sondern weil die Zollbelastung den Einstieg schlicht unrentabel gemacht hat. Das ändert sich jetzt„, so Wirtschaftsbund-Direktor Jochen Pack. Gerade in einem wirtschaftlich herausfordernden Umfeld mit rückläufigen Exportzahlen brauchen steirische Unternehmerinnen und Unternehmer neue Absatzmärkte – und die politischen Rahmenbedingungen, um diese auch erschließen zu können. Wir werden uns dafür einsetzen, dass die Ratifizierung zügig voranschreitet und die konkreten Vorteile des Abkommens rasch bei den Betrieben ankommen.