Von M.U.T.-Autor Johannes Tandl
Steiermark und Kärnten spüren die Deglobalisierung stärker als andere Bundesländer. Ihr überdurchschnittlich hoher Industrieanteil macht sie besonders anfällig für geopolitische Brüche. Exporte als Stärke mit Riskio.
Während Kärnten im Vorjahr zumindest ein leichtes Exportplus erzielen konnte, waren die Exporte der Steiermark moderat rückläufig. Beide Entwicklungen stehen exemplarisch für die Spannweite industrieller Anpassung im Süden Österreichs.
Kein regionales Versagen, sondern globaler Strukturbruch
Der wirtschaftliche Abschwung ist kein regionales Versagen, sondern Ausdruck eines tiefgreifenden Strukturbruchs der Weltwirtschaft. Steiermark und Kärnten zählen zu den industriell am stärksten geprägten Regionen des Landes. Maschinenbau, Metallverarbeitung, Fahrzeugtechnik, Werkstoffindustrie – insbesondere die Holzindustrie – sowie industrienahe Dienstleistungen bilden das Rückgrat der Wertschöpfung. Zugleich reagieren diese Branchen besonders sensibel auf internationale Investitionszyklen.
Deutschland als permanenter Bremsklotz
Seit 2024 ist die globale Nachfrage nach Investitionsgütern rückläufig. Die anhaltende wirtschaftliche Schwäche Deutschlands, des wichtigsten Absatzmarktes für beide Bundesländer, wirkt dabei wie ein permanenter Bremsklotz. Was dort nicht investiert wird, wird weder entlang der Mur- und Mürz-Furche noch entlang der Drau produziert. Kärnten konnte diesen Gegenwind zuletzt etwas besser abfedern, während die stärker exportgewichtete steirische Industrie die Nachfrageschwäche deutlicher zu spüren bekam.
Das Ende der verlässlichen Globalisierung
Diese Entwicklung ist mehr als eine konjunkturelle Delle. Sie markiert das Ende jener berechenbaren Globalisierung, auf der das Geschäftsmodell der österreichischen Industrie jahrzehntelang beruhte. Die erratische Zoll- und Handelspolitik der USA hat das Vertrauen in stabile Handelsregeln nachhaltig beschädigt. Protektionismus wird zunehmend von den USA, China und auch der EU als geopolitisches Instrument eingesetzt – mit fragmentierten Märkten, höheren Transaktionskosten und wachsender Unsicherheit.
„Wir sehen derzeit keine flächendeckende Krise, sondern eine Zweiteilung zwischen unter Druck stehenden Industrien und stark wachsenden Zukunftssegmenten.“
Karl Hartleb
Für exportorientierte Unternehmen aus Südösterreich bedeutet diese Fragmentierung jedoch nicht nur Risiko, sondern auch die Notwendigkeit zur strategischen Neujustierung. Komptech, ein international tätiger steirischer Umwelttechnologieanbieter, sieht etwa in Indien einen möglichen Gegenpol zu stagnierenden westlichen Märkten. „Schon ein kleiner Marktanteil kann dort einen sehr großen Impact haben“, sagt CSO Ewald Konrad von der Komptech GmbH. Voraussetzung seien allerdings eine langfristige Marktstrategie, lokale Wertschöpfung und ein belastbares Setup vor Ort.
Energie, Krieg, Standortkosten, Green Deal
Der Krieg in der Ukraine verschärft diese Lage zusätzlich. Sanktionen gegen Russland haben Energiepreise, Rohstoffverfügbarkeit und industrielle Kostenstrukturen dauerhaft verändert. Für energieintensive Regionen wie die Steiermark und Kärnten entsteht daraus ein struktureller Wettbewerbsnachteil gegenüber außereuropäischen Standorten.
„Indien verlangt Geduld, lokale Wertschöpfung und einen langen Atem – bietet dafür aber ein Exportpotenzial, das andere Märkte schlicht nicht haben.“
Ewald Konrad
Parallel dazu verschärft die europäische Standortpolitik den Druck. Der Green Deal verfolgt langfristig wohl richtige klimapolitische Ziele, trifft jedoch auf eine Industrie im Anpassungsprozess. Hohe Investitionsanforderungen, steigende CO₂-Kosten und regulatorische Unsicherheit belasten die Unternehmen zusätzlich.
Adria-Achse: Hoffnungsträger mit offenem Ausgang
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Adria-Achse strategische Bedeutung. Mit der Koralmbahn rücken Steiermark und Kärnten infrastrukturell näher zusammen. Ob daraus ein nachhaltiger Wachstumsschub entsteht, entscheidet sich jedoch am Güterverkehr. Nur wenn relevante Transportströme auf die Schiene verlagert werden, kann die Koralmbahn mehr sein als ein infrastrukturelles Versprechen.
Exporte als Stärke – Südösterreich als Frühwarnzone
Steiermark und Kärnten bleiben Frühwarnzonen der europäischen Industrieentwicklung. Ob das jüngste Exportplus Kärntens verstetigt werden kann und die Steiermark wieder auf einen Wachstumspfad zurückkehrt, hängt letztlich davon ab, ob Verkehrs-, Industrie- und Handelspolitik künftig konsequent zusammengedacht werden.
Industrie, Forschung & Wachstum (Stand 2024)
Kärnten
- Industrie / Produktion am BRP: 36,3 %
- Sekundärer Sektor an der Workforce: 27,4 %
- F&E-Quote: 3,39 %
- Reales Wirtschaftswachstum seit 2015 (Ø p. a.): +1,3 %
- Wirtschaftswachstum 2024: –3,6 %
- Exporte in % des BRP (Warenexport-Proxy): ≈ 33 % (Warenexporte ~9,3 Mrd. Euro / BRP 28,27 Mrd. Euro)
Steiermark
- Industrie / Produktion am BRP: 32,6 %
- Sekundärer Sektor an der Workforce: 29,4 %
- F&E-Quote: 5,31 %
- Reales Wirtschaftswachstum seit 2015 (Ø p. a.): +1,6 %
- Wirtschaftswachstum 2024: +0,1 %
- Exporte in % des BRP (Warenexport-Proxy): ≈ 44 % (Warenexporte ~28,3 Mrd. Euro / BRP 63,92 Mrd. Euro)
Österreich-Durchschnitt
- Industrie / Produktion am BRP: 27,4 %
- Sekundärer Sektor an der Workforce: 24,8 %
- F&E-Quote: 3,26 %
- Reales Wirtschaftswachstum seit 2015 (Ø p. a.): +1,5 %
- Wirtschaftswachstum 2024: –0,7 %
- Exporte in % des BRP (Warenexport-Proxy): ≈ 39 % (Warenexporte gesamt ~191 Mrd. Euro / BRP 494,1 Mrd. Euro)
„Indien gehört perspektivisch unter unsere Top-10-Exportmärkte“
M.U.T. sprach mit Karl Hartleb, Geschäftsführer des ICS (Internationationalisierungscenter Steiermark) über die Lage der Exportwirtschaft.

M.U.T.: Herr Hartleb, wie stellt sich die Lage der steirischen Exportwirtschaft aktuell dar?
Karl Hartleb: Das Bild ist zweigeteilt. Teile der energie- und arbeitskostenintensiven Industrie haben an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Gleichzeitig gibt es jedoch Sektoren, die stark wachsen – vor allem Ausrüstungsanlagen und Infrastrukturprojekte im Zusammenhang mit Energiewende, Netzen und Schiene. Dort reichen die Auftragsbestände teils mehrere Jahre voraus.
Welche Rolle spielen dabei kleinere und mittlere Unternehmen?
Eine sehr wichtige. Viele KMU haben sich frühzeitig diversifiziert und sind nicht mehr ausschließlich vom Automotive-Sektor abhängig. Auf dieser Mikroebene wird viel abgefedert, was in der Großindustrie derzeit schwierig ist. Deshalb bin ich insgesamt weniger alarmistisch, als es manche Kennzahlen nahelegen.
Wie stark belasten die US-Zölle unsere Exporte?
Für das abgelaufene Jahr rechne ich mit spürbaren Rückgängen. Die Zölle greifen nun tatsächlich. Dennoch sind steirische Unternehmen oft in technologischen Nischen tätig, die schwer ersetzbar sind. Ein vollständiges Verdrängen vom US-Markt sehe ich nicht, auch wenn das Umfeld schwierig bleibt.
Und wo sehen Sie neue Wachstumsperspektiven?
Klar in Indien. Wir erwarten, dass sich die Exporte dorthin in fünf bis acht Jahren verdreifachen. Indien gehört perspektivisch unter die Top-10-Exportmärkte der Steiermark. Unterstützt wird das durch Programme des ICS Internationalisierungscenter Steiermark.
Ist die Koralmbahn ein Gamechanger im Infrastrukturbereich?
Sie ist eine große Chance, aber kein Selbstläufer. Entscheidend ist der Güterverkehr und die Anbindung an die Adriahäfen. Gelingt das, kann der südösterreichische Raum deutlich profitieren.