Wie internationale Solidarität den steirischen Aufschwung ermöglichte
Standpunkt Steiermark – Wirtschaftsgeschichte, die Zukunft schreibt
Als im Mai 1945 der Zweite Weltkrieg endete, war Österreich ein geteiltes Land. Die vier alliierten Siegermächte – USA, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion – teilten das Land in Besatzungszonen auf. Wien wurde in vier Sektoren gegliedert, die Steiermark fiel zu einem großen Teil in die britische Zone, während der Osten der Obersteiermark – insbesondere Leoben, Donawitz und das obere Murtal – zunächst unter sowjetischer Verwaltung stand.
Die wirtschaftliche Lage war katastrophal: Fabriken zerstört oder demontiert, Verkehrswege unpassierbar, Strom- und Wasserversorgung instabil. Die Lebensmittelrationen reichten kaum zum Überleben, Kohle und Öl waren Mangelware. In der Steiermark, wo Eisen und Stahl das industrielle Herz Österreichs bildeten, kam die Produktion fast vollständig zum Erliegen. Viele Betriebe waren geplündert oder unter sowjetische Verwaltung gestellt, Maschinen und Rohstoffe abtransportiert.
In dieser Zerrissenheit – politisch, wirtschaftlich und sozial – war die Frage nach Wiederaufbau und Versorgung überlebenswichtig. Die österreichische Bundesregierung suchte Unterstützung im Westen, während der beginnende Kalte Krieg bereits neue Grenzen zog. In diesem Klima entstand 1947 in den Vereinigten Staaten eine Idee, die Europa und auch die Steiermark grundlegend verändern sollte: der Marshall-Plan, benannt nach dem damaligen US-Außenminister George C. Marshall.
Hilfe, die Verantwortung verlangte – das Prinzip des Marshall-Plans
Der Marshall-Plan, offiziell das European Recovery Program (ERP), war kein klassisches Hilfspaket. Er war eine Einladung zur Selbstständigkeit. Zwischen 1948 und 1952 stellte die US-Regierung über 13 Milliarden Dollar für 16 europäische Staaten bereit – rund eine Milliarde US-Dollar für Österreich. Doch das Geld wurde nicht einfach verteilt: Es floss in Kredite, Maschinenlieferungen und Rohstoffe, und die Empfängerländer mussten Reformen setzen, um ihre Wirtschaften zu stabilisieren und international wettbewerbsfähig zu machen.
Das Programm zielte darauf ab, Produktion statt Abhängigkeit, Marktwirtschaft statt Planwirtschaft und Kooperation statt Isolation zu fördern. Österreich nahm die Herausforderung an – und nirgends zeigte sich der Erfolg so sichtbar wie in der Steiermark.
Die Steiermark im Wiederaufbau – von der Rüstungsregion zum Industriestandort
Die Steiermark stand vor einer doppelten Herausforderung: einerseits die Zerstörung ihrer industriellen Infrastruktur, andererseits die politische Unsicherheit der Besatzungszeit.
Viele Schlüsselbetriebe – etwa die Eisenwerke Donawitz, die Alpine Montan Gesellschaft oder die Böhler-Werke in Kapfenberg – waren schwer beschädigt oder unter sowjetischer Kontrolle. Erst nach der Räumung der sowjetischen Zone 1947 konnte der Wiederaufbau mit westlicher Hilfe beginnen.
ERP-Mittel flossen gezielt in die Modernisierung der Stahl- und Eisenproduktion. Donawitz erhielt neue Hochöfen und Walzstraßen, Kapfenberg investierte in Elektrostahlwerke und Werkzeugmaschinen. Diese Investitionen brachten nicht nur die Produktion wieder in Gang, sondern schufen eine völlig neue industrielle Basis – effizienter, produktiver und technologisch auf westlichem Standard.
Auch der Maschinenbau, die Holzverarbeitung und die Papierindustrie profitierten stark: In Graz, Weiz und Zeltweg wurden Maschinenfabriken modernisiert, in Bruck an der Mur und Leoben entstanden neue Werkstätten, die bald zu Zulieferbetrieben für ganz Österreich wurden. Die Papierindustrie in Gratkorn und die chemische Industrie in Linz und Graz erhielten Rohstoffe und Kredite, um die Produktion wiederzubeleben.
Mit der Wiederherstellung von Energieversorgung und Transportinfrastruktur, darunter Stromleitungen, Kraftwerke und Bahnverbindungen, wurde die Steiermark wieder anschlussfähig an die europäischen Märkte.
Die Breitenwirkung – Handwerk, Landwirtschaft und Tourismus
Der Marshall-Plan erreichte aber nicht nur Großbetriebe, sondern auch das Rückgrat der steirischen Wirtschaft: das Handwerk, Gewerbe und die Landwirtschaft.
Tausende kleinere ERP-Kredite ermöglichten es, Maschinen anzuschaffen, Werkstätten zu modernisieren oder Transportfahrzeuge zu kaufen.
In der Landwirtschaft wurden Traktoren, Mähdrescher und Melkmaschinen angeschafft – Symbole eines technischen Fortschritts, der die Produktivität stark erhöhte. Die Südsteiermark modernisierte ihre Weinwirtschaft, Obstbauern im Raabtal und Oststeiermark investierten in Kühlanlagen und Verarbeitungsbetriebe.
Auch die Forstwirtschaft profitierte durch neue Sägewerke und Transportmittel – Grundlage für eine florierende Holzverarbeitung, die noch heute einer der wichtigsten Industriezweige des Landes ist.
Selbst der Tourismus erhielt Impulse: In den Kurorten des Thermenlands, im Ennstal und rund um den Grünen See wurden Gasthöfe, Straßen und Wasserleitungen mit ERP-Mitteln wiederaufgebaut. So trug der Marshall-Plan dazu bei, dass die Steiermark wieder wirtschaftlich und gesellschaftlich Tritt fasste – vom bäuerlichen Betrieb bis zur Montanindustrie.
Ein Mentalitätswandel – Hilfe zur Selbsthilfe
Der wahre Erfolg des Marshall-Plans lag weniger im Geld, sondern in der Haltung, die er vermittelte. Betriebe mussten nachweisen, dass ihre Investitionen sinnvoll, tragfähig und zukunftsorientiert waren. Dadurch entstand eine Kultur der Eigenverantwortung und Leistungsbereitschaft, die die steirische Wirtschaft bis heute prägt. Aus der Erfahrung des Wiederaufbaus entstand das Selbstverständnis: „Wir schaffen das, wenn wir es selbst anpacken.“
Diese Haltung war der Nährboden für eine neue Generation von Unternehmer:innen, Ingenieur:innen und Facharbeiter:innen, die aus einer zerstörten Wirtschaft ein modernes Industrieland formten. In den 1950er- und 1960er-Jahren entwickelte sich die Steiermark zu einem europäischen Zentrum für Maschinenbau, Stahlproduktion und Automobiltechnik. Eine Entwicklung, die ohne die ERP-Impulse und den damit verbundenen Mentalitätswandel kaum denkbar gewesen wäre.
Das Vermächtnis – der ERP-Fonds als Zukunftsinstrument
Was den Marshall-Plan besonders nachhaltig machte: Seine Rückzahlungen bildeten die Basis für den ERP-Fonds, der bis heute existiert. Aus diesem Fonds werden jedes Jahr Millionenbeträge in Innovation, Digitalisierung, Forschung und Exportförderung investiert auch in steirische Betriebe. Start-ups, Green-Tech-Unternehmen, Holzverarbeiter und Maschinenbauer profitieren heute von jenen Strukturen, die vor über 70 Jahren geschaffen wurden. Der Marshall-Plan war damit kein einmaliges Hilfsprogramm, sondern der Beginn eines Systems wirtschaftlicher Eigenfinanzierung, das bis heute wirkt.
Lehren für heute – Unterstützung mit Augenmaß
Der Marshall-Plan zeigt, dass wirtschaftliche Hilfe nur dann erfolgreich ist, wenn sie Verantwortung stärkt statt Abhängigkeit schafft. Er war ein Modell, das auf Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft setzte, nicht auf Dauerförderung.
Dieses Prinzip bleibt auch heute aktuell – in Zeiten von Energiekrise, Klimawandel und globaler Unsicherheit.
Gerade die Steiermark, die in den letzten Jahrzehnten vom Stahlstandort zur Innovationsregion geworden ist, kann aus dieser Geschichte lernen: Transformation gelingt dort, wo öffentliche Unterstützung, privater Unternehmergeist und technologische Offenheit zusammenwirken.
Fördern, um zu verändern – wie der Geist des Marshall-Plans heute weiterwirkt
Der Marshall-Plan war ein Symbol internationaler Solidarität – aber vor allem ein Modell für gezielte, verantwortungsvolle Förderung. Seine Idee, wirtschaftliche Unterstützung mit Eigenverantwortung und Innovationskraft zu verbinden, lebt bis heute fort. Auch heute steht Europa wieder vor großen wirtschaftlichen Transformationen: Digitalisierung, Energiewende, Klimaschutz und Fachkräftesicherung verlangen Investitionen, die vergleichbar richtungsweisend sind wie damals der Wiederaufbau.
Österreich und die Steiermark verfügen heute über eine breite Palette an Förderinstrumenten, die diesen Wandel unterstützen – vom traditionsreichen ERP-Fonds über europäische Programme wie NextGenerationEU, den EU-Strukturfonds (EFRE) oder den Klima- und Energiefonds, bis hin zu den regionalen Initiativen der SFG (Steirische Wirtschaftsförderung). Sie alle verfolgen dasselbe Ziel: den Standort stärken, Innovation fördern und die Wettbewerbsfähigkeit heimischer Betriebe sichern.
Gerade kleine und mittlere Unternehmen stehen aber häufig vor der Herausforderung, sich im Förderdschungel zurechtzufinden – und hier wollen wir als Wirtschaftsbund Steiermark ansetzen. Wir möchten Unternehmerinnen und Unternehmer dabei unterstützen, die passenden Programme zu erkennen, Chancen zu nutzen und Förderungen zielgerichtet einzusetzen. Wir schaffen Bewusstsein für bestehende Möglichkeiten, stellen Kontakte her und machen sichtbar, welche Potenziale in nationalen und europäischen Förderlandschaften liegen.
Unser Ziel ist es, Förderung greifbarer zu machen – durch praxisnahe Informationen, regionale Austauschformate und eine stärkere Vernetzung zwischen Betrieben, Politik und Förderstellen. Und wir bringen uns dort ein, wo Förderpolitik gestaltet wird: auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene – mit dem Anspruch, Verfahren zu vereinfachen und Zugänge zu verbessern.
Denn Förderung darf kein bürokratischer Selbstzweck sein, sondern muss in der Praxis wirken – dort, wo Innovation entsteht: in den Betrieben, Werkstätten, Labors und Büros unseres Landes.
Der Marshall-Plan hat gezeigt, dass Unterstützung dann am wirksamsten ist, wenn sie Leistung ermöglicht.
Heute führen wir diesen Gedanken weiter – mit modernen Förderinstrumenten, die Unternehmertum stärken, Zukunft gestalten und den Standort Steiermark voranbringen.