Ab 1. Juli 2026 sinkt die Mehrwertsteuer auf eine festgelegte Liste von Grundnahrungsmitteln von 10 auf 4,9 Prozent. Für die Haushalte eine spürbare Entlastung – für viele kleine und mittlere Lebensmittelhändler in der Steiermark vor allem zusätzlicher Aufwand bei ohnehin hauchdünnen Margen.
Was beschlossen wurde
Auf der vom Ministerrat Ende Jänner beschlossenen Liste stehen unter anderem Brot, Mehl, Milch, Joghurt, Butter, Eier, Reis, Nudeln, Speisesalz sowie zahlreiche Obst- und Gemüsesorten. Nicht enthalten sind Fleisch- und Wurstwaren, Käse, Beerenobst, Nüsse, Pflanzenöle und pflanzliche Milchalternativen. Das Volumen liegt bei rund 400 Millionen Euro pro Jahr, die Regierung rechnet mit einer Ersparnis von etwa 100 Euro pro Haushalt. Die OeNB erwartet einen einmaligen Inflationsdämpfungseffekt von 0,5 Prozentpunkten – allerdings nur, wenn der Handel die Senkung tatsächlich weitergibt.
Pro und Kontra
Die sozialpolitische Logik ist nachvollziehbar: Lebensmittel sind unverzichtbarer Grundbedarf, und der gewählte Warenkorb fokussiert auf regional erzeugte Produkte. Davon profitiert mittelbar auch die steirische Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung.
Allerdings adressiert die Maßnahme keine der strukturellen Ursachen der Teuerung: hohe Energie- und Lohnnebenkosten, Frachtkosten, zunehmende Regulierung. Christian Prauchner, Obmann des Bundesgremiums Lebensmittelhandel, bringt es auf den Punkt: Mit Einmaleffekten sei nichts gewonnen. Zudem ist die ursprünglich geplante Gegenfinanzierung über eine Plastikabgabe vom Tisch – ein zweistelliger Millionenbetrag bleibt offen.
Die Schattenseite für KMU im Lebensmittelhandel
Was in der medialen Debatte untergeht: Die Steuersenkung ist für den Handel kein Geschenk, sondern ein erheblicher Umsetzungsaufwand. Kassensysteme, Warenwirtschaft, Buchhaltung und Auspreisung müssen bis zum 1. Juli 2026 umgestellt werden. In großen Ketten erledigt das die IT-Abteilung über Nacht. Im familiengeführten Nahversorgungsbetrieb braucht es externe Dienstleister, Schulungen und manuelle Sortimentspflege.
Hinzu kommt die Abgrenzungslogik: Künftig gelten vier Umsatzsteuersätze parallel (4,9, 10, 13 und 20 Prozent). Kuhmilch fällt unter 4,9 Prozent, der Haferdrink daneben bleibt bei 20. Der Apfel rutscht runter, die Erdbeere nicht. Für jede Fehlzuordnung haftet der Händler.
Die Ausgangslage macht das besonders heikel: Die Margen im Lebensmittelhandel liegen bei 0,5 bis 1,5 Prozent. Viele selbstständige Kaufleute am Land erwirtschaften 500.000 bis eine Million Euro Jahresumsatz und arbeiten mit Nettoeinkommen von 1.200 bis 1.500 Euro im Monat – ohne Urlaubs- und Weihnachtsgeld.
Was das für die Steiermark bedeutet
Die Steiermark steht bei der Nahversorgung im Bundesländervergleich gut da: Laut KMU Forschung Austria sind rund sieben Prozent der Gemeinden ohne lokalen Lebensmittelhändler – deutlich weniger als im Burgenland (30 Prozent). Diese Struktur ist aber kein Selbstläufer. Bundesweit ist die Zahl der Gemeinden ohne Nahversorger zwischen 2011 und 2023 um 6,2 Prozent gestiegen; 411.000 Menschen leben in Gemeinden ohne lokales Geschäft. Jede zusätzliche administrative Hürde – auch eine gut gemeinte Steuersenkung – wirkt wie ein weiterer Stein im Rucksack derer, die ohnehin am Limit arbeiten.
Was wir als Wirtschaftsbund Steiermark fordern
Die sozialpolitische Logik der Maßnahme ist nachvollziehbar – sie darf aber nicht auf dem Rücken jener KMU umgesetzt werden, die in vielen steirischen Gemeinden die letzte verbliebene Nahversorgungsstruktur sind. Wir fordern erstens eine pragmatische Umsetzungsbegleitung für kleinere Händler mit eindeutigen Produktlisten und förderbaren Umstellungskosten. Zweitens spürbare Entlastung an den eigentlichen Kostentreibern: Energie, Lohnnebenkosten, Bürokratie. Und drittens eine Renaissance der Nahversorgerförderung mit klarem Steiermark-Fokus – verlässliche Rahmenbedingungen statt Einmaleffekte.
Dazu Wirtschaftsbund Direktor Jochen Pack, BA: Steirische KMU im Lebensmittelhandel sind weit mehr als Verkaufsstellen. Sie sind soziale Treffpunkte, Arbeitgeber und in vielen Gemeinden ein Stück Identität. Eine Steuerpolitik, die diese Betriebe in der Umsetzung überfordert, statt sie strukturell zu stärken, geht am Kern der Sache vorbei.