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Standpunkt Steiermark: Die Insel der Seligen (?) Teil II

Der 15. Mai 1955 – die Geburtsstunde des modernen Österreich

„Österreich ist frei!“ Die berühmten Worte von Außenminister Leopold Figl auf dem Balkon des Belvedere am 15. Mai 1955 markieren mehr als das Ende der Besatzung. Sie sind das Startsignal für eine wirtschaftliche Aufholjagd, die in der historischen Forschung gemeinhin als „österreichisches Wirtschaftswunder“ bezeichnet wird. Architekt dieses Erfolgs auf politischer Seite war ÖVP-Bundeskanzler Julius Raab – ein Niederösterreicher mit feinem Gespür für die industriellen Realitäten der Zweiten Republik, auch jener in der Obersteiermark. Seine Handschrift war nüchtern, pragmatisch, dialogorientiert. Raab verstand, dass wirtschaftliche Stabilität nicht durch ideologische Konfrontation, sondern durch geduldige Konsensarbeit zwischen den damals noch tief gespaltenen politischen Lagern entsteht. Genau dieser Stil prägt das nächste Vierteljahrhundert.

Der Moment am Belvedere war freilich Höhepunkt einer langen diplomatischen Vorarbeit. Bereits in den frühen 1950er-Jahren hatte die ÖVP-geführte Bundesregierung die völkerrechtliche Position Österreichs Schritt für Schritt geschärft. Die Erklärung der immerwährenden Neutralität am 26. Oktober 1955 – heute Nationalfeiertag – war kein außenpolitischer Selbstzweck, sondern wirtschaftspolitisches Kalkül: Sie sicherte den außenpolitischen Spielraum, der nötig war, um sowohl mit dem Westen als auch mit dem Osten Geschäfte zu machen. Für die Steiermark, mit ihrer historischen Verflechtung zu Italien, dem Balkan und Jugoslawien, war diese Position bares Geld wert.

Die zwei goldenen Jahrzehnte – ein Wachstum, das die Spielregeln neu schrieb

Die Wirtschaftsdaten der Aufstiegsphase sind eindrücklich. Zwischen 1955 und 1973 wuchs das österreichische Bruttoinlandsprodukt real durchschnittlich um knapp fünf Prozent pro Jahr. Die Arbeitslosenquote fiel zeitweise unter zwei Prozent – ein Vollbeschäftigungsgrad, den heutige Generationen kaum noch kennen. Die Inflation blieb über lange Phasen moderat. Die Reallöhne verdoppelten sich. Der Anteil der Industriebeschäftigung erreichte historische Höchststände, gleichzeitig begann sich der Dienstleistungssektor zu entfalten. Wer in dieser Zeit eine Lehre abschloss, konnte mit einem Berufsleben in einer einzigen Branche rechnen, oft sogar in einem einzigen Unternehmen. Eigenheim, Auto, Urlaub am Wörthersee oder an der Adria – das, was sich vorhergehende Generationen kaum erträumen konnten, wurde innerhalb von zwei Jahrzehnten Massenrealität.

Was waren die Treiber dieses Aufschwungs? Vier Faktoren stehen aus heutiger Sicht im Zentrum.

Erstens: die Industrie. Die Steiermark wurde in dieser Phase zur Werkstatt Österreichs. Donawitz produzierte Spezialstähle, der VOEST-Konzern – mit obersteirischen Standorten – wurde zum Aushängeschild der österreichischen Schwerindustrie. Das Linz-Donawitz-Verfahren (LD-Verfahren), an dessen Entwicklung die VOEST und Donawitz maßgeblich beteiligt waren, revolutionierte ab den 1950er-Jahren die weltweite Stahlerzeugung – ein steirisch-oberösterreichisches Patent, das in über 60 Ländern lizenziert wurde und die globale Stahlindustrie auf Jahrzehnte prägte. Magna, AVL, Andritz: Was heute Welt-Player sind, sind Kinder dieser Aufstiegsphase. In Graz entstand mit Steyr-Daimler-Puch (später teilweise zu Magna) eine Fahrzeugproduktion, die das Fundament für den heutigen Mobilitätsstandort legte. AVL List, 1948 von Hans List gegründet, entwickelte sich vom kleinen Ingenieurbüro zum weltweit führenden Unternehmen für Verbrennungsmotoren-Forschung. Andritz baute auf seiner Tradition im Maschinenbau auf und expandierte international. Diese Unternehmen sind kein Zufall – sie sind das Resultat einer Industriepolitik, die unternehmerisches Können mit politischer Stabilität und einem investitionsfreundlichen Umfeld kombinierte.

Zweitens: die Landwirtschaft. Die steirische Landwirtschaft erlebte einen tiefgreifenden Strukturwandel. Mechanisierung, Spezialisierung und genossenschaftliche Vermarktung – getragen wesentlich von ÖVP-Agrarpolitik unter Bundesministern wie Hans Öllinger und später Günther Haiden – legten die Basis für jene regionale Markenidentität, die heute als „Genussregion Steiermark“ europaweit Strahlkraft entfaltet. Der steirische Wein, der Kürbis und das Kürbiskernöl, die Vulkanlandprodukte, die Apfelwirtschaft im Osten – sie alle wurden in dieser Zeit professionalisiert, in Genossenschaften organisiert und mit Qualitätssiegeln versehen. Was heute selbstverständlich erscheint, war damals harte Strukturarbeit gegen Widerstände in einer Branche, die mit den Folgen der Mechanisierung und einem dramatischen Höfesterben zu kämpfen hatte. Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in der Steiermark halbierte sich zwischen 1960 und 1980 nahezu – ein schmerzhafter Anpassungsprozess, der nur durch flankierende ÖVP-Politik sozial einigermaßen abgefedert werden konnte.

Drittens: die Sozialpartnerschaft. 1957 institutionalisierte das Raab-Böhm-Abkommen die Paritätische Kommission. Vier Subkommissionen – für Lohn, Preis, Wirtschafts- und Sozialfragen sowie internationale Wirtschaftsbeziehungen – regelten faktisch die Lohn- und Preispolitik des Landes. Streiks waren in den Hochzeiten der Sozialpartnerschaft eine Rarität: Österreich gehörte über Jahrzehnte zu den streikärmsten Industrienationen der Welt. Während im Frankreich der 1960er-Jahre Generalstreiks ganze Volkswirtschaften lahmlegten und in Italien der „heiße Herbst“ 1969 die Industrie in die Knie zwang, blieb in Österreich die Werksbank im wahrsten Sinne des Wortes die Stätte des Konsens. Das war kein Zufall, sondern Ergebnis institutioneller Klugheit.

Die historische Verankerung dieses Modells reicht weit zurück, und es lohnt sich, diesen roten Faden ehrlich nachzuzeichnen. Der Gedanke einer berufsständischen Vermittlung gesellschaftlicher Konflikte war in der katholischen Soziallehre – etwa in der Enzyklika Quadragesimo Anno von 1931 – bereits theoretisch formuliert. In autoritärer Zuspitzung floss diese Idee in die korporatistische Verfassungsvorstellung der Dollfuß-Ära ein, die mit der Ausschaltung des Parlaments und der Verfolgung politischer Gegner verbunden war. Nach 1945 leisteten ÖVP und SPÖ eine bemerkenswerte demokratische Transformationsleistung: Sie übernahmen den organisatorischen Grundgedanken berufsständischer Vermittlung – Kammern, Verbände, paritätische Institutionen – und entkleideten ihn jeder autoritären Schlagseite. Aus einem Element des Ständestaats wurde ein Pfeiler der demokratischen Konsensgesellschaft. Es ist eine echte österreichische Eigenleistung, dass aus dem ideologischen Spannungsfeld der Zwischenkriegszeit ein funktionsfähiges Stabilitätsmodell entstand. Der Wirtschaftsbund war an dieser Transformation maßgeblich beteiligt – als Brücke zwischen der christlich-sozialen Tradition und einer modernen, wettbewerbsfähigen Marktwirtschaft.

Viertens: die internationale Öffnung. Mit der Gründung der EFTA 1960 und dem späteren Globalvertrag mit der EWG (1972) öffnete sich Österreich systematisch westwärts. Die Steiermark – traditionell exportorientiert in Richtung Italien, Süddeutschland und Jugoslawien – profitierte überdurchschnittlich. Die geographische Lage am Schnittpunkt zwischen Mitteleuropa, dem Mittelmeerraum und Südosteuropa wurde von einer geopolitischen Last zur ökonomischen Chance. Steirische Maschinenbauer lieferten in den jugoslawischen Markt, Lebensmittelproduzenten erschlossen Italien, die Holzwirtschaft profitierte vom deutschen Bauboom. Die Steiermark wurde, lange bevor das Wort en vogue war, ein durch und durch europäisches Wirtschaftsland.

„Insel der Seligen“ – ein Begriff und seine Wahrheit

Der Ausdruck wird gern Papst Paul VI. zugeschrieben, der ihn um 1971 in einem Gespräch über Österreich verwendet haben soll. Auch wenn die genaue Quellenlage diskutiert wird, traf der Begriff einen Nerv: Im internationalen Vergleich erschien Österreich der frühen 1970er-Jahre tatsächlich als Hort der Stabilität – wirtschaftlich solide, sozial befriedet, außenpolitisch neutral, kulturell selbstbewusst. Während Deutschland von Terrorismus und Studentenrevolten erschüttert wurde, während Italien in der „Strategie der Spannung“ versank, während Frankreich noch die Nachwehen des Mai 1968 verarbeitete, blieb Österreich bemerkenswert ruhig. Die Wiener Festwochen, die Salzburger Festspiele, der Steirische Herbst – kulturell entfaltete das Land eine Strahlkraft, die in keinem Verhältnis zu seiner Größe stand. Die Steiermark war daran beteiligt: Mit dem 1968 gegründeten Steirischen Herbst entstand das damals avantgardistischste Festival des deutschsprachigen Raumes – ein Beleg dafür, dass wirtschaftlicher Aufstieg und kulturelle Selbstvergewisserung Hand in Hand gehen können.

Die Kreisky-Ära – Tribut und Kritik

Wer ehrlich auf diese Jahre blickt, kommt am Bundeskanzler Bruno Kreisky (SPÖ, 1970–1983) nicht vorbei. Kreisky war ein außenpolitisches Format, ein politisches Talent ersten Ranges, ein Mann, der Österreich auf der internationalen Bühne sichtbar machte wie kaum ein zweiter. Sein Engagement im Nahost-Friedensprozess, seine Rolle als Brückenbauer zwischen Ost und West, seine Fähigkeit, Österreich als verlässlichen Akteur in einer bipolaren Weltordnung zu positionieren – all das gehört in jede ehrliche Wirtschafts- und Politikgeschichte. Innenpolitisch öffnete er die Universitäten, modernisierte das Familienrecht, baute die Sozialleistungen aus. Vieles davon ist heute unstrittig.

Aber: Die ökonomischen Leitlinien dieser Phase tragen den Keim späterer Probleme bereits in sich. Kreisky übernahm 1970 ein wirtschaftlich gut bestelltes Haus, dessen Fundamente die ÖVP-geführten Regierungen der Wiederaufbauzeit gelegt hatten. Er nutzte den Aufschwung für einen massiven Ausbau des Sozialstaates – und finanzierte diesen zunehmend auf Kredit. Sein legendärer Ausspruch, ihm seien „ein paar Milliarden Schulden lieber als ein paar tausend Arbeitslose“, war politisch eingängig und kurzfristig erfolgreich. Ökonomisch war er der Beginn einer langfristigen Verschuldungsdynamik, deren Folgen die Republik bis heute spürt. Die Staatsschuldenquote, die Anfang der 1970er-Jahre noch bei rund 18 Prozent des BIP lag, kletterte bis Mitte der 1980er-Jahre auf über 50 Prozent.

Besonders folgenreich war die Industriepolitik. Die Verstaatlichten wurden zunehmend zu Beschäftigungsstabilisatoren umfunktioniert: Statt sie auf internationale Wettbewerbsfähigkeit zu trimmen, wurden Arbeitsplätze um jeden Preis konserviert, Investitionsentscheidungen nach regionalpolitischen Gesichtspunkten getroffen, strukturelle Anpassungen verschleppt. Die Folgen traten in der Krise der 1980er-Jahre offen zutage und trafen kaum eine Region so hart wie die Obersteiermark. Was in Donawitz, Eisenerz, Judenburg, Knittelfeld und Zeltweg an Arbeitsplätzen verloren ging, an menschlichen Schicksalen in den Strukturkrisen ab 1985 verarbeitet werden musste, ist auch ein verspätetes Echo politischer Entscheidungen, die ein Jahrzehnt zuvor gefallen waren. Wer also Kreisky den Tribut zollt, der ihm gebührt, sollte zugleich ehrlich anerkennen: Die Rechnungen seiner Politik wurden in der Steiermark beglichen.

Die Hochblüte hatte einen Preis

Das österreichische Wirtschaftswunder, die „Insel der Seligen“ – sie waren real. Die Lebensqualität, die diese Generationen schufen, ist die Basis unseres heutigen Wohlstandes. Eigenheim, Bildungsaufstieg, Gesundheitsversorgung, Kulturförderung: All das verdanken wir politischen Entscheidungen aus dieser Zeit. Aber sie wurden auch auf Kosten künftiger Spielräume aufgebaut. Der Sozialstaat, der heute viele unserer KMU-Mitgliedsbetriebe finanziell belastet, hat hier seine Wurzeln. Die Verschuldungsdynamik, die heutige Budgetdebatten prägt, beginnt in dieser Phase. Die Verstaatlichten-Tradition, deren Reform Jahrzehnte in Anspruch nahm, ist Erbe dieser Zeit.

Genau deshalb ist es so wichtig, die Hochblütephase ehrlich einzuordnen: nicht als verklärte Idylle, nicht als sozialdemokratische Erfolgsgeschichte allein, sondern als das, was sie war – das Ergebnis einer breiten gesellschaftlichen Konsensleistung, getragen wesentlich von ÖVP-Persönlichkeiten wie Figl, Raab, Klaus und Mock, ergänzt durch die außenpolitische Statur Kreiskys, getragen von einer Sozialpartnerschaft, deren Wurzeln tiefer reichen, als der Mainstream es gerne erzählt. Wer Teil 3 dieser Serie liest, wird verstehen, warum genau diese ehrliche Bestandsaufnahme die Diskussionen unserer Zeit prägt – und welche Antworten der Wirtschaftsbund Steiermark darauf hat.

Teil 3 in der kommenden Ausgabe: „Vom Wirtschaftswunder zur Wettbewerbsfähigkeit – wo die Steiermark heute steht und wohin sie gehen sollte.“

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