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Standpunkt Steiermark: Die Insel der Seligen (?) Teil 3

Vom Wirtschaftswunder zur Wettbewerbsfähigkeit – wo die Steiermark heute steht und wohin sie gehen sollte 

Das Ende des alten Modells 

Das Jahr 1985 ist in der österreichischen Wirtschaftsgeschichte ein Schlüsseljahr. Der Konsumskandal, die Krise der VOEST-Alpine, die schmerzhafte Erkenntnis, dass die hochsubventionierte Verstaatlichten-Industrie internationalen Wettbewerbsdruck nicht mehr aushielt – all das markierte das Ende des alten Modells. Was zwei Jahrzehnte lang als Vollbeschäftigungsgarant gedacht war, entpuppte sich als strukturelles Auslaufmodell. Unter Bundeskanzler Franz Vranitzky (SPÖ, ab 1986) und Vizekanzler Alois Mock (ÖVP) begann der überfällige Strukturwandel. Privatisierung, Konzentration auf Kerngeschäfte, Internationalisierung: Das war die Antwort auf die Krise – und sie war richtig. Dass diese Wende ohne sozialen Bruch gelang, ist auch ein Verdienst jener Sozialpartnerschaft, deren Tragfähigkeit wir in Teil 2 dieser Serie nachgezeichnet haben. 

In der Steiermark hatte dieser Wandel einen besonderen Schmerz. Die Obersteiermark verlor Tausende Industriearbeitsplätze, ganze Talschaften mussten sich neu erfinden. In Eisenerz schrumpfte die Bevölkerung dramatisch, in Judenburg, Knittelfeld und Zeltweg standen Familien vor existenziellen Fragen, in Donawitz musste die Belegschaft auf einen Bruchteil ihrer ursprünglichen Größe reduziert werden. Was heute als steirisches Comeback gilt: die Mobilitätsindustrie rund um Graz, der Werkstoff- und Anlagenbau, die europaweit beachtete Forschungsdichte unserer Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen – ist das Ergebnis dieser oft schmerzhaften Transformation. Wer den Aufstieg der Steiermark zum forschungsstärksten Bundesland Österreichs verstehen will, muss die Strukturkrisen der späten 1980er-Jahre als Geburtsstunde dieser Erneuerung begreifen. 

Der EU-Beitritt – eine ÖVP-Erfolgsgeschichte 

Wer den heutigen steirischen Wohlstand vollständig verstehen will, muss zudem den 12. Juni 1994 würdigen: Mit 66,6 Prozent stimmten die Österreicherinnen und Österreicher für den Beitritt zur Europäischen Union. Federführend in den Verhandlungen war Vizekanzler und Außenminister Alois Mock (ÖVP), ein politischer Pionier, der mit Vehemenz, außenpolitischer Erfahrung und persönlichem Format den Weg ebnete. Der EU-Beitritt am 1. Jänner 1995 war für ein Exportland wie die Steiermark ein Quantensprung. Heute geht der Großteil der steirischen Warenexporte in die EU, mit Schwerpunkt Deutschland, Italien und CEE-Region. Magna fertigt für globale Märkte, AVL forscht für Kunden auf allen Kontinenten, Andritz liefert Anlagen rund um den Globus, voestalpine Donawitz ist in technologisch hochwertigen Stahlsegmenten Weltspitze. All das wäre ohne den europäischen Binnenmarkt undenkbar. 

Die Steiermark heute: Stärke aus Vielfalt 

Die Steiermark des Jahres 2026 ist ein Land, das aus seiner Geschichte gelernt hat. Sie ist das forschungsstärkste Bundesland Österreichs und liegt mit ihrer Forschungsquote an der europäischen Spitze. Drei industrielle Cluster prägen heute die Wertschöpfung: der Mobilitätssektor rund um den ACstyria-Cluster mit Magna Steyr, AVL List, Andritz und einem dichten KMU-Zulieferernetzwerk; der Werkstoff- und Anlagenbau im sogenannten Green Tech Valley mit voestalpine Donawitz, AT&S und einem wachsenden Cleantech-Ökosystem; und schließlich die breit aufgestellte Mittelstandsbasis aus Holz, Lebensmittelverarbeitung, Tourismus und Handwerk, die vom Mürztal bis ins südsteirische Weinland das Rückgrat unserer Mitgliedsbetriebe bildet. Diese Vielfalt ist unsere Stärke. Sie ist nicht das Ergebnis von Glück, sondern jahrzehntelanger geduldiger Standortarbeit – getragen wesentlich von Wirtschaftsbund-Politikern auf Bundes-, Landes- und Bezirksebene. 

Quo vadis?

ABER: bei aller Stärke: Die Steiermark steht – wie ganz Österreich und Europa – an einem Scheideweg. Die Wirtschaftsleistung pro Kopf wächst seit Jahren langsamer als in vergleichbaren EU-Regionen. Die Energiepreise belasten energieintensive Industrien überproportional und sind im internationalen Vergleich ein klarer Wettbewerbsnachteil. Der Fachkräftemangel ist nicht mehr nur Problem einzelner Branchen, sondern struktureller Engpass quer durch alle Sektoren. Die Demografie wirkt gegen uns: In den nächsten zehn Jahren gehen geburtenstarke Jahrgänge in Pension, ohne dass entsprechend nachbesetzt werden kann. Die Bürokratie wächst schneller als die Produktivität – jede neue Verordnung, jede Berichtspflicht, jede Genehmigungshürde frisst Ressourcen, die in Investitionen, Innovation und Wertschöpfung fehlen. Und international ringen wir mit Wettbewerbsnachteilen, die nicht das Ergebnis von Marktschwäche, sondern von politischen Rahmenbedingungen sind. Es geht nicht darum, ob wir handeln. Die Frage ist, wie schnell und wie konsequent. 

Sechs Prioritäten für den Standort 

Der Wirtschaftsbund Steiermark hat ein klares Bild davon, wo die entscheidenden Hebel liegen. Sechs Prioritäten stehen für uns im Mittelpunkt der nächsten Jahre. Erstens müssen Energiekosten und Versorgungssicherheit ins Zentrum der Standortpolitik. Industriestrompreise müssen wieder international wettbewerbsfähig werden; durch Beschleunigung von Genehmigungsverfahren für Erneuerbare, durch konsequenten Netzausbau, durch regionale Wertschöpfungsmodelle und durch ein klares Bekenntnis zu Technologieoffenheit, einschließlich Wasserstoff und Geothermie. Zweitens braucht es ernsthaften Bürokratieabbau und ein KMU-faires Vergaberecht. Die Steiermark lebt von ihrem Mittelstand, und bürokratische Hürden treffen kleine und mittlere Betriebe immer härter als Konzerne. Im öffentlichen Vergaberecht müssen Lose KMU-tauglich zugeschnitten, Bürokratie abgebaut und faire Wettbewerbschancen für regionale Anbieter geschaffen werden. Drittens müssen die Sichtbarkeit des Nationalen Qualifikationsrahmens (NQR) und die Gleichwertigkeit der Lehre konsequent gestärkt werden. Der Lehrberuf ist akademischer Ausbildung gleichwertig – das muss sich in der öffentlichen Wahrnehmung, in Erhebungen und Statistiken endlich konsequent widerspiegeln. Parallel braucht es qualifizierte Zuwanderung dort, wo der heimische Arbeitsmarkt sie nicht abdecken kann. 

Viertens braucht es eine echte Investitionsoffensive für KMU. Eine Bau- und Investitionsoffensive mit zinsbegünstigten Darlehensinstrumenten kann jene Investitionen anstoßen, die Konjunktur, Standort und Beschäftigung gleichzeitig stärken. Wir haben dazu konkrete Vorschläge für das Wirtschaftsparlament Steiermark im Juni 2026 vorgelegt. Fünftens braucht Europa eine faire, regelbasierte Handelspolitik. Abkommen wie EU-Mercosur und EU-Australien öffnen Märkte für unsere Exporteure und sind grundsätzlich zu begrüßen, müssen aber so gestaltet sein, dass europäische Standards nicht unterlaufen werden und sensible Sektoren – wie etwa unser geschützter Steirischer Kürbiskernöl-Sektor – nicht ins Hintertreffen geraten. Die Steiermark als Exportland hat ein vitales Interesse an offenen Märkten, aber zu Bedingungen, die fair sind. Sechstens schließlich steht uns in der nächsten Dekade eine historisch beispiellose Welle an Betriebsübergaben bevor. Tausende familiengeführte Unternehmen werden in den kommenden Jahren an die nächste Generation übergeben oder an externe Nachfolger verkauft werden müssen. Diese Übergaben steuerlich, bürokratisch und beratend abzusichern, ist eine der wichtigsten Standortaufgaben dieses Jahrzehnts – und damit eine Kernaufgabe unseres Verbandes. 

Vom Mythos zur Verantwortung 

Die „Insel der Seligen“ – sie war nie eine geschenkte Idylle. Sie war das Ergebnis kluger Politik, harter Arbeit und eines breiten gesellschaftlichen Konsenses, der das Trennende hintanstellte, ohne es zu leugnen. Wir haben diese Errungenschaften geerbt, aber wir haben sie nicht für selbstverständlich zu halten. Jetzt liegt es an uns, sie unter den deutlich härteren Bedingungen des 21. Jahrhunderts neu zu erarbeiten – im globalen Wettbewerb, unter dem Druck von geopolitischen Verschiebungen, in einer Welt, in der wirtschaftliche Stärke nicht mehr automatisch in Europa zuhause ist. Die Steiermark hat alle Voraussetzungen, diese Aufgabe zu meistern: eine starke Industrie, eine europaweit beachtete Forschungslandschaft, einen leistungsfähigen Mittelstand, eine funktionierende Sozialpartnerschaft und eine stolze Tradition wirtschaftspolitischer Vernunft. Was es braucht, ist politischer Wille – und einen Wirtschaftsbund, der diesen Willen organisiert, bündelt und in konkrete Politik übersetzt. Genau daran arbeiten wir, jeden Tag, für unsere Mitgliedsbetriebe und für den Standort Steiermark. 

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