Teil 1: Aus den Trümmern in die Stabilität – die Ausgangslage des österreichischen Wirtschaftswunders
Ein Land in Trümmern, ein Kontinent in Aufruhr
Wer im Frühjahr 1945 von Graz nach Bruck an der Mur fuhr, durchquerte ein Land in einem buchstäblichen Ausnahmezustand. Brücken gesprengt, Industrieanlagen schwer beschädigt, die Landwirtschaft ausgeblutet, hunderttausende Heimkehrer und Vertriebene auf der Suche nach Arbeit, Wohnung und Brot. Österreich war 1945 nicht nur ein politisch wiedererstandener, sondern ein wirtschaftlich gebrochener Staat. Das Bruttonationalprodukt lag rund ein Drittel unter dem Niveau von 1937, die Industrieproduktion bei knapp einem Fünftel. In Wien und in den Industriezentren, darunter die obersteirische Eisenstraße, herrschten Hunger und Wohnungsnot.
Vor diesem Hintergrund klingt der später so beliebte Begriff „Insel der Seligen“ – jener oft Papst Paul VI. zugeschriebene Ausdruck für ein wohlhabendes, sozial befriedetes Österreich der 1970er-Jahre – wie eine kühne Verheißung. Wie aus dieser Ausgangslage in nur zwei Jahrzehnten eine prosperierende Industrienation wurde, ist eine der bemerkenswertesten Wirtschaftsgeschichten Europas. Die Steiermark spielt darin eine Schlüsselrolle.
Die Interessenlage der Alliierten: Brückenkopf, Pufferstaat, Wirtschaftspartner
Österreich befand sich nach 1945 in einer geopolitisch heiklen Position. Vier Besatzungsmächte teilten das Land: Die Steiermark fiel in die britische Zone, das Burgenland und Niederösterreich in die sowjetische, Salzburg und Oberösterreich (südlich der Donau) in die amerikanische, Tirol und Vorarlberg in die französische. Wien war Vier-Sektoren-Stadt.
Die Interessen der Alliierten waren keineswegs deckungsgleich. Die Sowjetunion betrachtete Österreich als wirtschaftliches Reparationsobjekt: Über die USIA-Betriebe (Verwaltung des sowjetischen Eigentums in Österreich) wurden ehemals deutsche Vermögenswerte in der Ostzone bewirtschaftet und große Teile der Erträge in die Sowjetunion abgeführt – ein massiver Abfluss von Wertschöpfung, der bis zum Staatsvertrag 1955 anhielt. Die Westmächte, allen voran die USA, sahen Österreich hingegen früh als strategischen Pufferstaat im beginnenden Kalten Krieg und als künftigen Markt. Der Marshall-Plan (European Recovery Program, ab 1948) war in dieser Logik kein bloßes Hilfsprogramm, sondern eine geopolitische Investition.
Österreich gehörte, pro Kopf gerechnet, zu den größten Empfängern der ERP-Mittel weltweit. Insgesamt flossen rund 1 Milliarde US-Dollar (zu Werten der Zeit) ins Land. In der Steiermark profitierten besonders die Eisen- und Stahlindustrie in Donawitz, der Erzberg in Eisenerz, sowie die Papierindustrie und die Energieversorgung. Die internationalen Nachbarn – die Schweiz, Bayern, das wiederaufgebaute Italien – wurden zu Absatzmärkten und Wettbewerbern zugleich.
Österreichische Maßnahmen: ÖVP-geführte Weichenstellungen
Die Bundesregierungen unter ÖVP-Bundeskanzler Leopold Figl (1945–1953) und Julius Raab (1953–1961) trafen eine Reihe von Entscheidungen, die das Fundament für das spätere Wirtschaftswunder legten:
Währungsstabilisierung: Mit dem Schillinggesetz 1945 und dem Währungsschutzgesetz 1947 wurde die Hyperinflation gebrochen. Die Geldmengenreduktion um rund zwei Drittel war hart, aber notwendig.
Verstaatlichungsgesetze 1946 und 1947: Ein bis heute kontrovers diskutierter Schritt: Schlüsselindustrien – darunter die VOEST, die Alpine Montangesellschaft mit Donawitz und Eisenerz, die Großbanken und die Elektrizitätswirtschaft – wurden dem Bund übertragen. Was vordergründig wie eine sozialdemokratische Forderung wirkte, war in Wahrheit ein außenpolitisch-pragmatischer Schachzug der ÖVP: Der Zugriff der Sowjetunion auf „Deutsches Eigentum“ sollte verhindert werden. Die Verstaatlichten wurden in den folgenden Jahrzehnten zur tragenden Säule des steirischen Industriewunders.
Lohn-Preis-Abkommen: Zwischen 1947 und 1951 schlossen Regierung, Wirtschaftsbund-Politiker und Gewerkschaften fünf Lohn-Preis-Abkommen. Sie waren der pragmatische Vorläufer der späteren Sozialpartnerschaft – und zugleich ein steirisches Lehrstück: Ohne den Konsens zwischen Industrie, Arbeitnehmerschaft und Politik wäre der Wiederaufbau in Donawitz, Kapfenberg und Knittelfeld undenkbar gewesen.
Raab-Olah-Abkommen 1957. Die Paritätische Kommission, gegründet auf Initiative von Bundeskanzler Julius Raab und ÖGB-Präsident Johann Böhm beziehungsweise später Franz Olah, institutionalisierte den Dialog. Bemerkenswert: Die Idee einer berufsständisch geordneten Wirtschaft, das organisatorische Grundgerüst aus Kammern und Verbänden, war historisch bereits in der katholischen Soziallehre (Quadragesimo Anno, 1931) und in der korporatistischen Verfassungsvorstellung der Dollfuß-Ära angelegt. Erst nach 1945 wurde dieses Erbe in demokratischer Form, lagerübergreifend und ohne autoritäre Schlagseite, zum Markenzeichen der Zweiten Republik.
Bestandsaufnahme: Die Steiermark als Werkstatt der Republik
Ende der 1940er-Jahre stand die Steiermark vor einer Doppelaufgabe: den industriellen Wiederaufbau zu stemmen und zugleich eine fast völlig auf Schwerindustrie ausgerichtete Wirtschaftsstruktur diversifikationsfähig zu machen. Donawitz lieferte Stahl, Eisenerz das Roherz, das Mürztal Maschinenbau, der Süden Glas und Papier. Die regionale Wirtschaft war eng mit den Verstaatlichten verflochten – eine Stärke in Boomzeiten, eine Schwäche in Strukturkrisen, wie sich Jahrzehnte später zeigen sollte.
Was 1945 begann, war kein Wunder. Es war das Ergebnis nüchterner politischer Arbeit, geopolitischer Glücksumstände und eines Konsenses, der – bei aller späteren Kritik – die Republik zwei Generationen lang stabilisiert hat. Wie aus diesem Fundament der Aufstieg gelang, beleuchtet Teil 2 unserer Serie.
Teil 2 erscheint kommende Woche: „Aufstieg und Hochblüte – wie Österreich zur Insel der Seligen wurde.“